Im Dialog mit Profis
Ausbildungsberater Lehraufsicht
Patrick Frei
Patrick Frei arbeitet seit sieben Jahren als Ausbildungsberater in der Lehraufsicht beim Amt für Berufsbildung St. Gallen. Er bewilligt und überprüft Bildungsbewilligungen, kontrolliert und genehmigt Lehrverträge, berät die Lehrvertragsparteien und stellt die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben sicher.

Mit welchen Herausforderungen begegnen Sie Jugendlichen in Ihrem Bereich, insbesondere im Hinblick auf ihre berufliche Zukunft und Integration in die Arbeitswelt?
Als Ausbildungsberater der Lehraufsicht beraten wir die Lehrvertragsparteien in rechtlichen Fragen rund um den Lehrvertrag und das Berufsbildungssystem. Meist werden wir dann kontaktiert, wenn bereits Schwierigkeiten bestehen.
Häufig geht es um Leistungsprobleme im Lehrbetrieb oder in der Berufsfachschule. Lernende erreichen die vereinbarten Ziele nicht, was zu Gesprächen, teilweise auch zu Konflikten zwischen Lernenden und Lehrbetrieben führt. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam zu klären, welche Möglichkeiten es gibt, den angestrebten Berufsabschluss dennoch zu erreichen. Welche vertraglichen Optionen bestehen? Welche Unterstützungsangebote können beigezogen werden? Und welche Rechte und Pflichten haben die Beteiligten?
Die Ursachen hinter solchen Situationen sind vielfältig. Lernschwierigkeiten, eine falsche Berufswahl, Überforderung, mangelndes Interesse, gesundheitliche Probleme, schwierige private Verhältnisse oder zwischenmenschliche Spannungen im Betrieb können eine Rolle spielen. Der Übergang von der Sekundarstufe I in die Berufsbildung ist für viele Jugendliche anspruchsvoll. Nicht wenige brauchen Zeit, um im Berufsleben anzukommen.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, die eigentliche Ursache zu erkennen und passende, individuelle Unterstützung zu organisieren. Das ist nicht immer einfach, aber entscheidend.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Die Chance erlebt und was zeichnet diese aus?
Die Lehraufsicht berät in erster Linie rechtlich. Je nach Situation stehen eine Vielzahl an Unterstützungsangeboten zur Verfügung. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass diese nicht für alle Jugendlichen passend sind.
Hier erlebe ich Die Chance als sehr wertvolle Ergänzung. Das Angebot ist niederschwellig und unbürokratisch und wird von engagierten Fachpersonen getragen. Die Coaches arbeiten sowohl mit den Jugendlichen als auch mit den Lehrbetrieben zusammen. Das entlastet die Betriebe, ohne dass sie die Verantwortung für das Lehrverhältnis verlieren.
In Gesprächen nehme ich häufig wahr, dass das Engagement von Die Chance beiden Seiten Hoffnung gibt, die Ausbildung weiterzuführen. Besonders wichtig finde ich, dass Jugendliche auch nach einer Lehrvertragsauflösung weiter begleitet werden und Unterstützung bei der Suche nach einer Anschlusslösung erhalten.
Als amtliche Stelle sind wir in gewissen Prozessen gebunden. Die Chance kann oft flexibler und offener Verbindungen zwischen Lernenden und Betrieben herstellen. Zudem tut es vielen Jugendlichen gut, eine Vertrauensperson ausserhalb des Lehrbetriebs zu haben, die sie auf dem Weg zum Berufsabschluss begleitet.
Welche Entwicklungen oder Veränderungen würden Sie sich wünschen, um Jugendlichen eine noch bessere Chance zu geben?
Viele Jugendliche starten heute mit einem schweren Rucksack in die Lehre. Gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen sie stark, manches können wir nur begrenzt steuern.
Ich höre oft pauschale Kritik an der jungen Generation. Diese greift meines Erachtens zu kurz. Jugendliche stehen heute vor anderen Herausforderungen als frühere Generationen. Psychische Belastungen und Leistungsabfälle haben Gründe. Das Sozial- und Freizeitverhalten, insbesondere die sozialen Medien, beeinflusst die Belastbarkeit spürbar. Gleichzeitig fehlen teilweise stabile familiäre Strukturen, die für eine gesunde Entwicklung wichtig wären.
Dennoch müssen wir die hohe Qualität unseres beinahe einzigartigen schweizerischen Berufsbildungssystems bewahren. Das bedeutet auch, Anforderungen zu stellen und nicht jedem Trend nachzugeben, wenn er die Ausbildungsqualität schwächt.
Entscheidend ist das Engagement aller Partner in der Berufsbildung, insbesondere der Berufsbildnerinnen und Berufsbildner. Wer seinen Beruf mit Freude ausübt und sich mit Herzblut für die Ausbildung engagiert, leistet einen enormen Beitrag. Und es ist wichtig, sich rechtzeitig bei Bedarf Unterstützung von aussen zu holen.