Im Dialog mit Profis

Berufsinspektor
Pierpaolo Lorenzetto

Pierpaolo Lorenzetto arbeitet als Berufsinspektor beim Amt für Berufsbildung Graubünden. Er überprüft Lehrbetriebe, begleitet anspruchsvolle Fälle und stellt die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben sicher. Nach seiner Lehre als Kunststofftechnologe und kaufmännischer Angestellter führte ihn sein beruflicher Weg über kaufmännische Weiterbildungen und den Finanz- und Rechnungswesen in seine heutige Funktion.

Mit welchen Herausforderungen begegnen Sie Jugendlichen in Ihrem Bereich, insbesondere im Hinblick auf ihre berufliche Zukunft und Integration in die Arbeitswelt?
Viele Jugendliche starten heute mit einem grossen Rucksack in die Lehre. Sie sind oft nur bedingt auf die Anforderungen der Arbeitswelt vorbereitet. In ihrer Jugend wird ihnen vieles abgenommen, was grundsätzlich schön ist. Doch sobald sie in die Berufswelt eintreten, müssen sie Verantwortung übernehmen, anpacken und selbständig handeln. Das führt bei manchen zu Unsicherheit. Belastbarkeit und Selbstorganisation sind nicht immer ausreichend entwickelt.

Ich sehe darin auch ein gesellschaftliches Thema. Wir leben in grossem Wohlstand. Für viele Jugendliche ist vieles selbstverständlich geworden. Gleichzeitig verlieren sich einige in sozialen Medien, die mit der Realität der Arbeitswelt wenig zu tun haben. Das kann den Übergang zusätzlich erschweren.

Die Generation Z ist nicht schlechter, sie ist anders. Sie möchte wissen, weshalb sie etwas tut und welchen Sinn ihre Arbeit hat. Wenn man sie ernst nimmt und gut abholt, funktioniert das sehr gut. Hier treffen teilweise traditionelle Ausbildungsmethoden auf neue Erwartungen. Auch die Lehrbetriebe sind gefordert, sich zu bewegen, ohne sich zu verbiegen. Gute Beispiele zeigen, dass es möglich ist, beide Welten zusammenzubringen.

Am Ende geht es darum, Jugendlichen Orientierung zu geben, Verantwortung zuzutrauen und ihnen gleichzeitig klare Erwartungen zu vermitteln. Nur so entsteht eine gesunde Balance zwischen Fördern und Fordern.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Die Chance erlebt und was zeichnet diese aus?
In der Lehraufsicht haben wir klar definierte Aufgaben. Wir achten darauf, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden, prüfen Sachverhalte und begleiten schwierigere Fälle in Zusammenarbeit mit dem Case Management Berufsbildung. Unsere Rolle ist systemisch und formal verankert, entsprechend haben wir auch Grenzen.

Genau hier setzt die Stiftung an. Sie arbeitet niederschwellig, unkompliziert und sehr kooperativ. Oft genügt ein Telefon, und es kommt Bewegung in eine festgefahrene Situation. Diese Zielorientierung erlebe ich als grosse Stärke. Ich bin der Überzeugung, dass das Coaching- und Mentoringmodell von Die Chance auch für unser Amt einen Mehrwert bieten könnte.

An Gesprächen (runder Tisch) mit verschiedenen Beteiligten habe ich mehrfach erlebt, dass durch diese zusätzliche Unterstützung neue Hoffnung entsteht. Wenn ein Lehrverhältnis unter Druck steht, kann das entscheidend sein. Die Betriebe werden entlastet, weil sie sich auf die fachliche Ausbildung konzentrieren können, während der soziale Teil professionell begleitet wird.

Besonders wichtig ist für mich, dass Jugendliche aufgefangen werden, die zwischen Stuhl und Bank fallen. Dass dieses Angebot kostenlos ist, erhöht die Zugänglichkeit zusätzlich.

Welche Entwicklungen oder Veränderungen würden Sie sich wünschen, um Jugendlichen eine noch bessere Chance zu geben?
Ich wünsche mir, dass Jugendliche besser auf die Arbeitswelt vorbereitet werden. Klare Strukturen, realistische Erwartungen und frühzeitig aufgezeigte Perspektiven helfen, den Übergang zu erleichtern. Zwischen Oberstufe und Lehrabschluss passiert enorm viel in der persönlichen Entwicklung. Gerade in dieser Phase wäre eine intensivere Begleitung oft hilfreich.

Wenn Rückschläge auftreten, stellt sich die Frage, wie wir Jugendliche auffangen können. Als Amt sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Umso wichtiger ist die Zusammenarbeit mit engagierten Partnerinnen und Partner. Die Kooperation funktioniert sehr gut, und aus meiner Sicht dürfte dieses Angebot gerne noch ausgebaut werden.

Auch die Eltern spielen eine zentrale Rolle. Es ist wichtig, auf die Interessen der Jugendlichen zu hören und ihnen Raum für eigene Entscheidungen zu geben. Berufswahl sollte nicht von Vorgaben geprägt sein, sondern von Motivation und Neugier. Jugendliche selbst profitieren davon, möglichst viele Einblicke zu erhalten, unterschiedliche Berufe kennenzulernen und auch Fehlentscheidungen machen zu dürfen. Ein Lehrabbruch ist nicht zwingend ein Scheitern, sondern kann ein Lernprozess sein.

Entscheidend ist eine offene Kommunikation von Anfang an. Zwischen Eltern, Betrieb und Lernenden sollten Themen transparent angesprochen werden. Wenn gesundheitliche oder persönliche Herausforderungen erst dann bekannt werden, wenn bereits Probleme entstanden sind, wird vieles unnötig erschwert. Vertrauen und Offenheit sind die Grundlage für tragfähige Lösungen.