Wer so viele Rückschläge einstecken muss braucht eine gehörige Portion Mut, Zuversicht und Unterstützung, sich immer wieder neu zu orientieren.

KATJA T.* 19

Lange Durststrecken bis zum Erfolg.

Still und bleich sitzt mir eine kleine, kindlich wirkende Jugendliche beim Kontaktgespräch gegenüber. Nach Abschluss der Oberstufenzeit fand Katja (K.) keine Lehrstelle als Malerin. Daher besuchte sie das Motivationssemester, welches sie nach einem psychischen Zusammenbruch abbrechen musste. Sie arbeitet seither als Metallbearbeiterin im Betrieb, in dem auch ihr Vater arbeitet.

Mit leiser, stockender Stimme erzählt sie mir von ihren schlimmen Erfahrungen in der Oberstufe. Auf das Übelste gemobbt, reagiert sie mit Magenschmerzen und völligem Rückzug. Aus dem fröhlichen Mädchen wird eine tief verunsicherte, scheue junge Frau, die nicht mehr spürt, wem sie vertrauen kann und wem nicht. Immer noch ist ihr Berufswunsch Malerin. Obwohl ich Bedenken wegen ihrer körperlichen Verfassung habe, belasse ich es bei dieser Idee. Bald darauf gelingt es uns, eine Schnupperlehre bei einem Maler zu organisieren, und sie kann eine Woche bei ihm arbeiten. Schon am zweiten Tag ruft der Lehrmeister mich an. Seine Beobachtungen und Erfahrungen bestätigen meinen Verdacht: K. ist körperlich nicht in der Lage
die nötigen Arbeiten zu verrichten, wirkt völlig apathisch und desinteressiert. Die Schnupperlehre wird abgebrochen. Auch K. bestätigt mir, dass sie sich nicht konzentrieren kann und sich schwach fühlt. Sie macht von sich aus den Vorschlag, sich professionelle Hilfe bei einem Psychologen zu holen und sich danach wieder bei mir zu melden. Viele Monate höre ich nichts mehr von ihr.

Im Frühling 2009 dann ein Anruf von K., ob ich wieder mit ihr arbeiten würde. Sofort machen wir einen Termin für ein Treffen. Welche Überraschung, als sie mir entgegenkommt. K. ist äusserlich kaum mehr wiederzuerkennen. Mit leuchtenden Augen, strahlendem Gesicht, neuer Frisur und beschwingtem Gang kommt sie auf mich zu. Offensichtlich war ihre Therapie ein voller Erfolg. Gestärkt und wieder voller Mut und Zuversicht möchte sie sich erneut auf die Lehrstellensuche machen. Die Interessensabklärung zeigt, dass sie gerne in einem handwerklichen Beruf wie Sattlerin oder Innendekorateurin Polsterei arbeiten möchte. Auch ein Beruf mit Tieren würde ihr viel Freude bereiten. Voller Motivation machen wir uns gemeinsam auf die Suche nach Betrieben. Schon bald zeigt sich, dass es im Bereich Tierpflegerin wenige bis keine Möglichkeiten für eine Ausbildung gibt. Sie arbeitet in der Zwischenzeit in einer Kinderkrippe, bekommt dort viele verantwortungsvolle Aufgaben zugeteilt. Sie geniesst das Vertrauen, das ihr die Leitung, die Kinder und die Eltern entgegenbringen. Das führt sie zur Idee der Fachfrau Betreuung Kinder. Die genaueren Abklärungen zeigen aber bald, dass ihre schulischen Voraussetzungen nicht reichen und es sehr wenige Ausbildungsstellen in diesem Beruf gibt. Bald darauf muss die Krippe mangels Kinder schliessen. Wir konzentrieren uns wieder auf die handwerklichen Berufe im textilen Bereich. Die Schnupperlehre bei einem grossen Textilunternehmen als Innendekorationsnäherin weckt grosse Hoffnungen. Die Rückmeldungen zu ihrem Einsatz und ihren Arbeiten sind ausgezeichnet. Als Person wird sie von allen sehr geschätzt. Leider erhält sie dann doch eine Absage, mit der Begründung, sie habe einen zu langen Arbeitsweg. Mir scheint das eher eine Ausrede, da genau dieser Punkt vorher nicht zur Diskussion stand und mit 30 Min. Fahrweg auch kein Thema war. Immer wieder treffe ich K. zu einem persönlichen Gespräch, damit sie trotz aller Enttäuschungen den Mut nicht verliert. Es folgt eine lange Durststrecke, in der sich gar nichts bewegen lässt. Entweder wird der Beruf nicht mehr ausgebildet (Polsterer) oder es werden Sekundarschüler bevorzugt. K. arbeitet in der Zwischenzeit in einem Büro, in dem sie Ablagearbeiten übernimmt. Sie findet dort die Bestätigung, dass das gar nicht ihre Welt ist und sie dies nur tut, damit sie etwas Geld verdienen kann.

Dann erhalte ich im Sommer 2010 einen Anruf der Geschäftsführerin eines Online-Papeterieversandes. Ob ich nicht jemanden hätte, der in ihrer Logistikabteilung aushelfen könnte. Sofort kommt mir K. in den Sinn. Ich kenne den Betrieb und die positive Haltung der Geschäftsführung und weiss, dass sich mit ihr etwas Gutes entwickeln könnte. K. kann sich vorstellen und erhält sogleich die Praktikumsstelle. Ihr gefällt die Arbeit und sie versteht sich mit allen wieder bestens. Leider ist die Stelle des Logistikers schon vergeben und eine weitere Lehrstelle kommt nicht in Frage. Da jetzt schon drei Jahre seit ihrem Schulaustritt vergangen sind, rate ich ihr, sich im Brückenangebot Frauenfeld anzumelden, um den vergessenen Schulstoff aufzuarbeiten. K. müsste allerdings zwei Tage (Kanton TG) die Schule besuchen. Ihr Arbeitgeber unterstützt sie glücklicherweise auf der ganzen Linie. Durch gute Beziehungen zur Schulleitung gelingt es mir, sie trotz Vorbehalten und kantonalen Einschränkungen zu platzieren. Mit ihrer unkomplizierten Art passt sie sich der Klasse an, kann auch gut mit den Jüngeren umgehen und lässt sich durch deren Störaktionen nicht aus dem Konzept bringen. Dank ihres kleinen Körperwuchses fällt auch niemandem auf, dass sie schon 19-jährig ist.

Das Lernen macht ihr Spass und sie kann schon bald wieder sehr gut mithalten. Es zeigt sich, dass K. Mathematik und Geometrie gut liegen. Das bringt mich auf die Idee, ihre Erfahrungen, die sie als Metallbearbeiterin gemacht hatte, wieder aufzunehmen. Handwerk, etwas herstellen und am Abend sehen was man gearbeitet hat sind für K. wichtige Punkte, die erfüllt sein müssten in einem Beruf. Es gelingt mir, ihr eine Schnupperstelle als Mechanikpraktikerin zu organisieren.

Nach einem langen Vorstellungsgespräch, zu dem ich sie begleite, erhält sie den Bescheid, dass man mit ihr ein Kurzpraktikum von drei Wochen machen möchte und dann entscheidet, ob sie die Lehrstelle erhält. Glücklicherweise macht ihr Arbeitgeber auch da wieder ohne Murren mit und auch die Schulleitung ermöglicht ihr diese Auszeit, da es um eine Lehrstelle geht.

Seit Antritt als Logistikerin ist sie einer grossen seelischen Belastung ausgesetzt: Ihre über alles geliebte Grossmutter erkrankt unheilbar an Krebs. Wochen voller ungewisser Tage folgen und es kommt dazu, dass ihr Grossvater auch zusammenzubrechen droht. Ich bestelle K. für Gespräche zu mir. Wir sprechen über ihre Ängste, das Traurigsein, über das Loslassen, das Sterben und Leben. Sie erhält die Zeit und die Möglichkeit immer wieder über alles zu sprechen. Ich möchte, dass sie ihre Kräfte nicht verliert, um doch irgendwie das Kurzpraktikum antreten zu können. Kurz davor stirbt ihre Grossmutter. Bei unserem nächsten Gespräch kann ich sie dahin lenken, dass sie das Praktikum als etwas Positives ansehen kann.

So beginnt sie in der Woche darauf mit ihrer Arbeit. Schnell findet K. den Draht zu den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Die Arbeit gefällt ihr sehr gut und sie fühlt sich rundum wohl. Viel Halt erhält sie immer wieder auch von ihren Eltern und ihren Brüdern. Ihr intaktes Familienleben trägt viel zum Gelingen bei. Die Zeit vergeht wie im Flug und schon kommt der Tag der Auswertung. Wieder hat sie Ausbildner, Vorgesetzte und Mitarbeiter überzeugen können und man ist bereit ihr die Chance für eine Ausbildung zu geben.

Am 11.02.2011 wird der Lehrvertrag unterschrieben – Der Durchhaltewillen hat sich gelohnt.

Gaby Braun