Körperverletzung, Nötigung, Hausfriedensbruch…
das kann nicht sein! Gibt es noch eine Chance?

Ein junger Mann, Lars* (20 Jahre) ruft bei der Stiftung ‹Die Chance› an und erzählt dem Leiter seine Geschichte. Es war sofort klar, er braucht unsere Unterstützung, unsere Hilfe. 

Nach der regulären Lehrzeit hat unser Kandidat seine Lehrabschlussprüfung – neu spricht man vom Qualifikationsverfahren (QV) – nicht bestanden. Nicht genug damit: Sein Lehrmeister klagte gegen ihn wegen Körperverletzung, Nötigung und Hausfriedensbruch!

Nach dem Qualifikationsverfahren, das bereits am Prüfungstag als negativ bezeichnet wurde, kam es gleichentags am späteren Nachmittag zu einem Zusammentreffen von Lehrmeister, Prüfungskandidat, Mitarbeiter und Eltern im Prüfungsraum. Es ist in dieser Berufsbranche üblich, dass am Ende des QV die gemachten Arbeiten präsentiert werden. Die Eltern, insbesondere die Mutter des Kandidaten suchte das Gespräch mit dem Lehrmeister, was dieser jedoch strikte verweigerte. Es entstand eine verbale Auseinandersetzung. Nach Aussagen der Betroffenen und Zeugen verliess der Lehrmeister den Prüfungsraum in Begleitung des Vaters, unverletzt. Wenige Tage später erstattete der Lehrmeister Anzeige wegen Tätlichkeit; das Lehrverhältnis wurde in der Folge fristlos aufgelöst. 

Das Verfahren läuft nun bereits seit 10 Monaten. Es gab mehrere Einvernahmen und Aussagen. Insgesamt wurde das Verfahren mittels Einstellungsverfügung mehrmals abgeschlossen, was jedes Mal einem Freispruch für Lars gleichkam. Es hat fast den Anschein, dass der Kläger nicht mehr aus dieser Geschichte ohne Gesichtsverlust heraus kann und deshalb die Anklage weiterzieht.

In vielen Gesprächen mit Lars, seinen Eltern, dem Anwalt, mit den Unterlagen und Entscheiden des Gerichts glaubten die Verantwortlichen der Stiftung ‹Die Chance› an die Unschuld von Lars. Nach mehreren Bewerbungsversuchen für eine sofortige Anschlusslösung mit raschen Absagen wurde klar, wie schnell die Geschichte in der deutschsprachigen Schweiz in der Branche gerüchteweise herum geboten wurde. Da war von Gewalt, Schlägerei, etc. die Rede. Eine schwierige und fast aussichtslose Situation für unseren Kandidaten.

Die vielen Absagen und Gerichtstermine zeigten Spuren. Das Selbstbewusstsein war verloren, Angst und Ohnmacht machten sich breit. Kein anderer Lehrmeister wollte von sich aus Hand bieten und Lars eine Chance geben. Für mich als Betreuer war nun klar, ich brauchte einen Fürsprecher aus der Branche, in einer 'neutralen' Gegend. Meine Tätigkeit als Mitglied in der Prüfungskommission half dabei sehr.

Nach einem ausführlichen Gespräch mit dieser Person erhielt ich die gewünschte Unterstützung. Für sie war es keine Frage, da wird geholfen. Im Mittelpunkt steht ein junger Mensch, ein angehender Berufsmann; die Geschichte interessierte am Rande, die Zukunft zählt. Der Fachmann wusste sofort wie weiter, welches der richtige Lehrbetrieb sein könnte und stellte den Kontakt für ein Gespräch her.

Lars darf sich ordentlich bewerben, sich vorstellen und eine Schnupperlehre machen. Er darf zeigen, dass er will. Er kann sich für ein Praktikum bis zum Sommer empfehlen. Der neue Lehrmeister hat so auch die Gelegenheit Lars besser kennenzulernen. Bei positivem Entscheid darf der junge Mann ab kommenden Sommer das verlorene Lehrjahr wiederholen und sich auf das QV vorbereiten.

Im weitern benötigt der junge Mann dringend einen Coach für die praktische Arbeit. Er muss die verpatzte Prüfung und die Anklage verarbeiten können. Ich empfahl Lars, nach Absprache mit seinen besorgten Eltern, ein Coaching bei einer neutralen Person. Der Weg ist eingeschlagen, die Unterstützung und Begleitung wirkt – eine grosse Chance für Lars.

Peter Hotz