Bei einem Besuch in einer Werkjahrklasse wurde ich gefragt, ob eine mittel mässige Werkjahrschülerin eine 3-jährige Ausbildung als Coiffeuse erfolgreich bestehen könne.
Ich empfahl dem Lehrer sowie dem Mädchen eine Abklärung bei der zuständigen Berufsberatung. Der Bericht der Berufsberatung lautete klar, dass dies nicht möglich sei, aber eine 2-jährige Anlehre im Beruf als Coiffeuse sicher möglich wäre.
Eine Anlehre kam für Monika* jedoch nicht in Frage obwohl ihre Mutter, die Sozialen Dienste, der Lehrer, die Berufsberatung und ‹Die Chance› der gleichen Meinung waren und dies empfahlen.
Mein Vorschlag, ein Jahr die Vorlehre zu besuchen um die vorhandenen Defizite aufzuarbeiten wurde von Monika widerwillig angenommen.
Monika besuchte die Vorlehre ohne spezielle Begleitung und meldete sich hernach bei uns zu einer Abklärung. Unsere Tests und Gespräche bestätigten wiederum eine sehr schwache schulische Leistung, aber einen starken Willen und die Bereitschaft alles zu geben, um eine 3jährige Ausbildung zu machen.
Meine Rückfrage in der Vorlehre bestätigten die Annahmen. Trotz der schwachen schulischen Leistungen waren der Fleiss, die Pünktlichkeit, die Zuverlässigkeit und der Durchhaltewille bei Monika nach wie vor ungebrochen.
Ich vereinbarte mit Monika einen Coiffeur-Salon zu suchen, der bereit wäre einer fleissigen, zuverlässigen aber schulisch schwachen Schülerin eine Chance zu geben. Kein einfaches Unterfangen wenn man bedenkt, dass sehr viele Mädchen (auch Sek. Schülerinnen) eine Lehrstelle als Coiffeuse suchen.
Ich wurde nach vielen, nein sehr vielen Misserfolgen fündig in einem Betrieb. Allerdings suchte ich vorerst nur einen Platz für eine Schnupperlehre. Dies mit der Hoffnung, es könnte sich später daraus eine Anstellung mit Lehrvertrag ergeben.
Nach der Schnupperlehre von Monika besuchte ich die Lehrmeisterin. Wir verglichen die Schnupperbüchlein, die lückenlos und sauber ausgefüllt waren und diskutierten über eine mögliche Anstellung.
Ich spürte die soziale Ader der erfahrenen Lehrmeisterin und verstärkte den Druck für eine Anstellung. Die kleine, schüchterne Monika bekam den Lehrvertrag für eine 3-jährige Ausbildung unter Bedingungen. Unter anderem forderte die Berufsbildnerin die Begleitung von Monika durch ‹Die Chance›. Dies und andere Bedingungen wurden in einer Vereinbarung fixiert. So zum Beispiel auch der Besuch der Aufgabenhilfe, ein regelmässiger Kontakt mit der Jugendhilfsstelle und das gemeinsame Ausfüllen des Bildungsberichts.
Monika begann die Ausbildung im August. Ich besuchte sie regelmässig in der Aufgabenhilfe, organisierte die Termine für die Bildungsberichte, begleitete sie einige Male auf die Jugendhilfsstelle und besuchte den Ausbildungsbetrieb, wenn es verlangt wurde.
Die Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Freundlichkeit blieben während der ganzen Ausbildung unverändert. Die praktischen Arbeiten erledigte Monika sehr gut. Die Noten in der Berufsfachschule wurden mit viel Aufwand erarbeitet und entsprachen nicht immer den Anforderungen. Monika bestand die LAP, fand eine Anstellung und hat somit den Einstieg ins Berufsleben mit viel persönlichem Aufwand und einer Portion Hartnäckigkeit erfolgreich geschafft.
Hans Heeb
