Silvan* musste seine Lehre als Plattenleger abbrechen, weil sein Ausbildner ums Leben kam und der Geschäftsführer gekündigt hatte. Im Betrieb war niemand mehr um ihn auszubilden.
Silvan, 18-jährig, 178 gross, Typ Bär. Er lebt mit seiner Mutter und deren Lebenspartner zusammen. Dieser ist IV-Rentner, da eine böse Nervenkrankheit seine Muskulatur lahm legt. Silvan wird geplagt von finanziellen Schwierigkeiten zu Hause und von einem persönlichen Schuldenberg von 1800.– Fr. (Natelschulden, einen PC, den er bei der Mutter abbezahlen sollte, eine Busse der SBB). Zudem sollte er für seinen bescheidenen Kleiderkonsum selber aufkommen und mithelfen, das Budget zu Hause zu entlasten.
Ein erstes Praktikum in einem Holzbetrieb muss Silvan abbrechen, was nicht einfach ist, weil er sich als Versager empfindet, obwohl es vor allem gesundheitliche Gründe sind, die den Abbruch verlangen. Silvan findet einen Strassenbaubetrieb, der ihn in ein Praktikum nehmen würde. Silvan meldet sich auch in der Vorlehre an und ist bereit, die Aufgabenhilfe zu besuchen. Auf den Baustellen arbeitet er zur vollsten Zufriedenheit. Er ist im Team beliebt, fühlt sich akzeptiert und respektiert. Das erste Mal kommt so etwas wie Hoffnung und Zuversicht auf.
In der Schule vergisst Silvan oft die Hausaufgaben, macht Versprechungen, die er dann doch nicht einhält. Er reagiert aggressiv, ablehnend, wenn man ihn zur Rede stellt. Er flüchtet in Ausreden und Ausflüchte. Dasselbe spielt sich auch zu Hause ab. Ich gehe der Sache auf den Grund und entdecke, dass Silvan nicht einfach nicht will: Er kann nicht! Bei Prüfungen ist er komplett blockiert. Texte kann er gar nicht verstehen, weil er die Wörter, wegen einer Legasthenie nicht richtig sieht und versteht.Der Schuldenberg lässt ihn nicht schlafen. Er isst unregelmässig und nie warm. Silvan hat vorallem Angst! Angst wieder zu versagen, Angst die Erwartungen nicht zu erfüllen, Angst die Lehrstelle nicht zu erhalten.
Ein Gespräch beim Schulsozialarbeiter ergibt eine ernüchternde Bilanz. Da könne man halt auch nichts machen und er sei halt ein armer Kerl ..!? Auch zu Hause, weiss man nicht, wie man mit ihm umgehen soll. Silvan zieht sich extrem in sein Zimmer zurück, spielt stundenlang am Computer.
Aus den direkten Gesprächen mit Silvan weiss ich, welch feiner Kerl in ihm steckt und dass da noch Potential ist, das man ausschöpfen kann. Zuerst mache ich mit Silvan ein Budget und zeige ihm auf, wie er in 6 Monaten seine Schulden los ist und sogar einen Haushaltsbeitragleisten kann. Er freut sich, dies einmal vor Augen zu haben und dass Licht in sein Dunkel kommt.
Silvan kann gut rechnen. Auch Pläne lesen, bereitet ihm keine Schwierigkeiten. Dieser Punkt bringt mich auf eine Idee. Nach Rücksprache mit unserem Leiter schlage ich vor, mit Silvan ein ‹Genius Training› über acht Wochen durchzuführen. Dazu brauche ich das Einverständnis und die Mitarbeit von Silvan, seiner Mutter und deren Lebenspartner Sch.. Da dieser meist zu Hause ist, ist er bereit, die täglichen Übungen mit Silvan durchzuführen.
Beim Erstgespräch kläre ich zuerst einmal das Verhältnis der beiden. Schnell wird ersichtlich, dass viele Missverständnisse Wut und Abwehr bei Silvan erzeugen. Auch Sch. fühlt sich oft missverstanden, reagiert dann mit Resignation und Zynismus. Wir klären die Sachverhalte gründlich, so dass mit gegenseitiger Achtung und Respekt miteinander umgegangen werden kann und das Training auch in einer guten Stimmung abläuft. Jetzt heisst es, den Ablauf gut zu instruieren. Durch gezielte Fragen sehe ich an Silvans Augen, wo er seine Erinnerungen abholt bzw. speichert. Es gilt nun, einen Satz von 150 Karten mit aufsteigend schwierigen Mustern nach einem genauen Ritual visuell zu erfassen und danach aus dem Gedächtnis nach zu zeichnen. Silvan arbeitet mit grosser Konzentration mit und Sch. übernimmt die Aufgabe perfekt. Während der nächsten fünf Wochen arbeiten die beiden jeden Tag drei bis fünf Karten durch. Jeden Montag bringt Silvan die Zeichnungen mit und ich überprüfe die Ergebnisse. Ich muss ihn nur auf Kleinigkeiten aufmerksam machen. Es läuft wie geschmiert. Daneben coache ich ihn an seinen persönlichen Angstpunkten. Aggressionen und Spielsucht sind seine Themen. In diesen Punkten findet er sich in seinem leiblichen Vater und hat Angst auch so zu werden. Ich arbeite mit ihm ein Format durch, in dem er dies ablösen und durch etwas Neues ersetzen kann. In der folgenden Woche verkauft er all seine Games. Mit seinem Mathelehrer versteht er sich in der Zwischenzeit bestens.
Ein weiterer Schwachpunkt ist Zuverlässigkeit. Wichtiges schiebt er oft hinaus, bis es zu spät ist. Fühlt er sich nicht sicher, weicht er lieber aus, vergisst, lässt es bleiben, braucht Ausreden. Erfindet als Hilfsmittel eine Agenda. In diese schreibt er, mit einer aussergewöhnlich schönen Schrift, jede Kleinigkeit auf. Referenzerfahrungen stärken ihn.
Nach 6 Wochen hat Silvan seine gebückte Haltung verloren. Mit festen Schritten kommt er daher und sein Händedruck ist kräftig. Strahlend zeigt er mir seine Zeichnungen mit den schwierigen Mustern. Er kann sich nun viel besser konzentrieren. Seit er sich diese Muster merken kann, gelingt es ihm auch, die Satz-Rechnungen zu verstehen und zu lösen! Er lässt sich viel weniger ablenken und kann Ziel gerichteter arbeiten. Alles macht nun Sinn! Er absolviert den Basic-Check mit Bravour. Als Folge davon erhält er den Lehrvertrag! Seine Schulden sind in der Zwischenzeit abgebaut. Mit seiner Mutter und Sch. versteht er sich wieder. Er nimmt am Familienleben teil, erzählt von sich und isst zusammen mit den andern am Tisch! Es geht nun in die Schlussphase. Texte sind sein Alptraum. Die Muster auf den Karten ersetze ich durch Worte. Mit dem gleichen Verfahren, lasse ich ihn die Wörter ansehen, innerlich fotografieren und als Kontrolle rückwärts buchstabieren. Es gelingt auf Anhieb! Silvan ist so verblüfft und fasziniert, dass er noch 6 weitere Durchgänge mitmacht. Er sieht nun die Wörter plötzlich, schaut sie ganz anders an, kann dadurch den Text dazu verstehen, kann lesen ohne Stocken. Als Abschluss lasse ich Silvan nun kleine Texte lesen und interpretieren. Langsam und gleichmässig liest er laut, ohne Stocken. Ich sehe, dass sich sein Hals nicht mehr verkrampft, sein Atem ruhig geht und seine Arme locker bleiben dabei. Danach erzählt er mir das Gelesene und kann kaum begreifen, dass ihm dies jeweils so grosse Mühe gemacht hat. Sein Selbstvertrauen ist jetzt so gross, dass er voller Zuversicht, vor allem ohne jede Angst in die Zukunft blickt. Er freut sich jetzt auf seine Lehre und auch sein Lehrmeister ist voll überzeugt von ihm.
Gaby Braun
