Die Alarmglocken läuten...

Als ich den Namen des Kandidaten lese, der zu mir kommen soll, läuten bei mir die Alarmglocken und alles schaltet auf Abwehr. Ich betreute mal seinen älteren Bruder. Dieser hätte bei drei Betrieben die Lehrstelle erhalten, aber jedes Mal, wenn es konkret wurde, hatte er tausend Ausreden, warum es jetzt doch nicht geht. Nach einer aufwändigen, nervenaufreibenden Zeit kündigten wir ihm die Zusammenarbeit auf. Die Mutter arbeitet Nachtschicht in einer Druckerei und hatte noch zwei Putzjobs, um die vier Kinder über die Runden zu bringen. Ihre hysterische Art klingt mir noch in den Ohren.

Vor meiner Abfahrt stelle ich mich nun aber neu und positiv ein, damit ich Fabio* vorurteilslos entgegentreten kann. Ruhig sitzt er mir gegenüber und beantwortet meine Fragen präzise, er lässt sich auch nicht von einer Fangfrage irritieren. Sein Wortschatz ist sehr gut. Sein Testergebnis ist überraschend hoch. Von 142 Punkten erreicht er 125. Er hat klare Vorstellungen, was er lernen möchte.

Er redet mit leiser Stimme. Er hat klare Wertvorstellungen, liest und informiert sich jeden Tag über das Tagesgeschehen. Sein Allgemeinwissen ist überdurchschnittlich hoch, sein Wissenshunger riesig. Wieso ist dieser junge Mann bei uns?

Die Realschule absolviert er praktisch alleine, ohne Unterstützung, da zu Hause niemand Zeit für ihn hat und zwei schwierige Geschwister Kräfte rauben. Zu spät merkt er, dass er sich mehr anstrengen sollte, dass er mehr könnte als er zeigt und verpasst viele wichtige Phasen während der Berufsfindung. Nach der Realschule nimmt er eine Lehrstelle als Maurer an. Schnell ist ihm unwohl dort. Er mag den rohen Umgangston und die rüden Umgangsformen nicht. Die Arbeit interessiert ihn nicht wirklich. Er hat die Stelle nur angenommen, weil er seine Mutter finanziell unterstützen und nicht untätig herumsitzen möchte. Er ist oft krank und unglücklich – es kommt zu einem Lehrabbruch.

Jetzt möchte er neu beginnen mit unserer Hilfe. Schnell ist mir klar, dass dieser Junge ein ganz anderes Potential hat als sein Bruder. Mit seiner stillen, leisen Art ist er in der Familie untergegangen, wurde nicht gehört. Zuviel ärger und Sorgen hatte die Mutter mit den anderen, da wollte er nicht auch noch auffallen.

Am liebsten möchte er das KV machen, weiss, dass die Chancen mit einem Realschulabschluss nicht gut sind. Der Verkauf interessiert ihn auch, Sportartikel, Elektronik und Autozubehörteile. Ich kann ihn in seinen Vorstellungen nur bestätigen und unterstützen.

Fabio arbeitet heute in einem Warenhaus. Er hatte diese Praktikumsstelle noch vor unserem Treffen gefunden. Mit Geschäftsleitung und Lehrmeisterin konnte ich noch die Vertragsbedingungen aushandeln und uns ihre Unterstützung sichern. Nun arbeitet Fabio schon mehrere Monate dort und ist allseits ein geschätzter Mitarbeiter. Seine zuvorkommende, hilfsbereite Art mögen auch die Kunden. In seinem Eifer, ja alles richtig zu machen muss man ihn ab und zu bremsen. Für ein Anliegen das ihn beschäftigt, sucht er meine Hilfe. Er weiss nicht, wie er es formulieren soll, möchte nicht als unhöflich oder frech gelten. Sein Selbstwert muss unbedingt noch gestärkt werden, zu lange hat ihn niemand gelobt oder gute Rückmeldungen gegeben. Er bewirbt sich fleissig, die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend. Eine Nachfrage bei der Firmenzentrale für eine Lehrstelle in einer Filiale wird jedoch negativ beantwortet.

Noch ist keine Lehrstelle in Sicht … Wir geben nicht auf … wir machen weiter …

Gaby Braun